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Christentum  
DEFINITION
  • Duden: 1. auf Jesus Christus, sein Leben und seine Lehre gegründete Religion | 2. individueller christlicher Glaube | Meyers Großes Konversations-Lexikon 1906: Christentum, die von Jesus von Nazareth als dem »Christ«, d. h. Messias (s.d.), gestiftete Religion (die christliche Religion), im weitern Sinn die ganze geschichtbildende Macht, die sich in jenem Namen verkörpert hat, mit der Summe ihrer innern Antriebe und äußern gesellschaftlichen Wirkungen, mit der Gedankenwelt, die sie herausgeführt, und mit allen neuen Ordnungen und Sitten des Völker- u. Menschheitslebens in ihrem Gefolge. Unklarheiten und Mißverständnisse, die aus der Einmischung religiöser Interessen mit Notwendigkeit sich ergeben mußten, haben einen erbitterten Kampf darüber hervorgerufen, ob das C. als ein »neuer Anfang« zu betrachten, d. h. übernatürliche Eigenschaften von seinem Stifter auszusagen, übernatürliche Wirkungen an sein Auftreten zu knüpfen seien, oder ob es in der Gesamtentwickelung des religiösen Geistes zwar einen Glanz- und Höhepunkt darstelle, der aber seine geschichtliche Bedingtheit in den vorausgegangenen Stadien des Gottesbewußtseins mehr oder weniger erkennen lasse. Jedenfalls ist das C. zunächst aus dem alttestamentlichen Gottesglauben herausgewachsen, dessen Vollendung es darstellt. Das Volk Israel als das eigentliche Religionsvolk der alten Welt hatte den Glauben an den einen Gott im Verlauf des prophetischen Zeitalters sittlich vertieft und vergeistigt und den Dienst des »Heiligen in Israel« immer bewußter in Reinigung des Herzens und Lebens gesetzt. Freilich stellt das gesetzlich verfestigte Judentum der nachexilischen und neutestamentlichen Zeit mit seinem pharisäischen Äußerlichkeitsgeist einen auffallenden Rückschritt gegenüber den prophetischen Errungenschaften dar. Eine um so unmittelbarere Fortsetzung und Vollendung fanden die letztern dort, wo der eigentliche Erklärungsgrund für die ganze Lebensfülle und schöpferische Kraft liegt, die das C. offenbarte, im Selbstbewußtsein Jesu. Denn an der Person seines Stifters hängt schließlich vorzugsweise die geschichtliche Bedeutung des Christentums. Eine originale Persönlichkeit aber, ein religiös-schöpferischer Geist zumal behält immer für eine die Erscheinungen in ihre Elemente auslösende und auf ihre Herkunft befragende Wissenschaft etwas Undurchdringliches und Geheimnisvolles. Tatsache ist, daß in dem religiösen Bewußtsein Jesu das Verhältnis von Gottheit und Menschheit eine von allem Unreinen so durchgängig geläuterte, für die Lösung der sittlichen Aufgabe des ganzen Geschlechts so eminent fruchtbare Auffassung und zugleich auch, trotz aller unumgänglichen Bildlichkeit und sonstigen Unzulänglichkeit der zu Gebote stehenden sprachlichen Mittel, einen so reinen, unmittelbaren, ewig jungen und zugkräftigen Ausdruck gewonnen hat, wie ein zweites Beispiel in der Geschichte des fortschreitenden Gottesbewußtseins nicht wieder vorliegt. Was aber darum als »Sohn Gottes« Jesus Christus (s.d.) ist, das sollen alle, zu denen sein Evangelium dringt, werden: »Kinder« oder, wie es im neutestamentlichen, Text eigentlich heißt, »Söhne Gottes«. Ein solcher Übergang des eignen Reichtums in das Bewußtsein andrer setzt voraus, daß der ideale Inhalt eine geschichtlich gegebene Form vorfindet, in der er sowohl schon dem Bahnbrecher selbst sich darbietet, als auch für die Zeitgenossen greifbar und faßlich wird. Ein solches Losungs- und Schlagwort, vermöge dessen das neue Gottesbewußtsein eine geschichtliche Macht zu werden vermochte, bot die alttestamentliche Messiasidee, die Jesus sittlich und geistig neu belebte und zum Bekenntnis seiner Jüngergemeinde erhob (Matth. 16,15–17). Darin, daß Jesus sich als den von den Propheten vor Jahrhunderten dem jüdischen Volk verheißenen Gottessohn oder Messias (s.d.) wußte, lag das geschichtlich Bedingte, das Nationale und Zeitliche in seinem Selbstbewußtsein. Daran hielten sich, während jenes rein menschliche Moment zunächst noch in der Hülle blieb, die ältesten, aus dem Judentum hervorgegangenen Gemeinden, die Stiftungen der zwölf Apostel, überhaupt die Judenchristen. Was diese von den gewöhnlichen Juden unterschied, war lediglich der Glaube an den nicht mehr bloß zu erwartenden, sondern schon gekommenen Messias. Aber in der Tatsache, daß dieser Messias nicht in der erwarteten Gestalt eines theokratischen Herrschers und Heidenbezwingers aufgetreten war, sondern in der Demut und Niedrigkeit eines anspruchslosen Lehrers und Hirten, eines Befreiers nicht unterworfener Nationen, sondern geknechteter Willenskräfte, und ebendeshalb verachtet und verworfen von den Obersten seines Volkes, war ein Impuls gegeben, der nach einer andern Richtung treiben mußte. In der Tat hat sich die Ablösung der neuen Religion von der alten rasch vollzogen, zunächst in der Form des Paulinismus. Infolge des starken Anstoßes, den das »Ärgernis des Kreuzes« (Gal. 5,11) für die rechtgläubige Messiasidee darbot, kam es christlicherseits zu einer Weiterbildung des Messiasbegriffs, in deren Verlauf der Kreuzestod als gottgewollter, notwendiger Durchgangspunkt, der Messias selbst als ein gottähnliches, zum Zweck der Erlösung und Versöhnung der schuldbeladenen Menschheit auf Erden erschienenes Wesen zur Geltung kam, das gerade im Tode nur die sinnliche Hülle abstreift, um sofort vermöge seiner Auferstehung und Erhöhung göttliche Würde und Hoheit anzutreten. Der nähere Verlauf dieser für die christliche Weltanschauung entscheidenden Gedankengänge gehört nicht hierher (s. Christologie). Wohl aber liegen ihm religiöse Ideen und sittliche Werte zu Grunde, die dem C. erst seine bleibende, weltgeschichtliche Signatur gegeben haben. So ist dem ganzen religiösen Verhältnis dadurch, das der Zweck des Auftretens des Messias in die Erlösung und Heiligung seines Volkes gesetzt wird, eine entschiedene Wendung und Richtung auf das Gebiet des sittlichen Lebens, auf die Zubereitung eines in Gott befreiten Willens, gegeben; es ist zugleich dadurch, daß dieser Erlöser »durch Leiden des Todes vollendet« (Hebr. 2,9. 10) werden mußte, nicht etwa bloß das Leid und Wehe des Lebens mit einer selbst der tragischen Kunst des klassischen Altertums unerreichbaren Weihe geheiligt, sondern es ist dieses Dulden und Leiden geradezu zum Gegengift wider Sünde und Schuld, zur Existenzbedingung für alles erhoben worden, was sich im endlichen Leben als gereifter und bleibender Gehalt bewähren und den Menschen über das Niveau des Naturlebens erheben soll. Zugleich ist mit dieser Lehre vom leidenden Sohn Gottes der Gottesbegriff selbst der starren Einheit und überweltlichen Ferne, die seine Merkmale im Judentum ausmachen, entkleidet worden. Diese Veränderung in dem Begriff und Bild Gottes spiegelt sich innerhalb der christlichen Theologie besonders in den Dogmen von der Trinität (s.d.) und Menschwerdung (s.d.) ab. [...] | Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1906, S. 103-105. | Permalink: http://www.zeno.org/nid/20006424716
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